Interviews,  Songwriting

Songwriting, Überforderung, Hoffnung und neue Wege – ein Interview mit Hannes Wittmer

Vor Kurzem gab es hier auf dem Blog einen Beitrag zur neuen EP „Das Ende der Geschichte“ vom Songwriter Hannes Wittmer. Danach habe ich über Videochat ein kurzes Interview mit ihm geführt. Darin ging es um seine Art Songs zu schreiben, das Recorden im Campingbus, seine kritische Sicht auf unsere gesellschaftlichen Strukturen und vieles mehr. Lest selbst! Ich bin wie immer gespannt auf euer Feedback!

Hannes Wittmer, Fotos in diesem Beitrag von Christoph Naumann


Hallo Hannes! Schön, dass du Zeit gefunden hast.
Als Erstes interessiere ich mich natürlich für dein Songwriting. Wie sieht das bei dir aus? Wie entstehen deine Songs?

Ich bin da echt wahnsinnig unstrukturiert. Ich nehme mir keine festen Zeiten fürs Texte schreiben, das funktioniert für mich nicht. Wenn ich das mal ausprobiert habe, hat es den Texten aus meiner Sicht immer an Tiefe gefehlt.

Beim Musik schreiben ist das etwas anderes. Ich schreibe ja zum Beispiel auch Theatermusik und da habe ich dann Techniken, um mich in eine vorgegebene Stimmung einzufühlen. Wenn es aber um meine eigenen Songs und vor allem Texte geht, macht es keinen Sinn, wenn ich keine eigene Idee habe, worüber ich schreiben möchte. Die Methode, wie ich mit einer Schreibblockade umgehe ist: Einfach nicht schreiben!

Ich warte dann manchmal Wochen oder Monate auf Erfahrungen oder Gedanken, die mich zu einem neuen Song inspirieren. In den letzten Jahren erst habe ich festgestellt, dass das scheinbar außergewöhnlich ist. Meine Kollegen und Kolleginnen sind dann immer überrascht, dass ich manchmal ein ganzes Jahr lang keinen Song schreibe. Für mich ist es so aber das richtige, weil ich da auch mittlerweile hohe Ansprüche an mich selbst habe. Wenn es dann aber irgendwann ins Studio geht, kommen eigentlich alle Songs, die ich geschrieben habe, auch auf die Platte. Die sind dann für mich alle so wichtig und aussagekräftig, dass ich keinen davon für mich behalten will.



„Ich habe gewartet, bis ich eine neue Sicht auf die Welt hatte, die ich dann auf dem Album als Gesamtwerk präsentieren kann.“



In einem anderen Interview hast du gesagt, dass du dir jetzt mit deiner neuen EP erstmal alles von der Seele geschrieben hast. Das heißt jetzt beginnt für dich wieder eine Phase des Wartens auf neue Inspirationen? Wo könnten die dann herkommen?

Ja genau. Ich verstehe auch nicht, wie andere es schaffen eine Platte rauszubringen und dann quasi während der Tour schon ein neues Album zu schreiben. Ich habe das Gefühl, dass man doch erstmal was erleben muss, um darüber schreiben zu können.

Deswegen haben meine neueren Alben, glaube ich, auch alle einen roten Faden. Weil ich gewartet habe, bis ich eine neue Sicht auf die Welt hatte, die ich auf dem Album als Gesamtwerk präsentieren kann.

Wie läuft das dann bei dir ab, wenn du wieder neue Songs schreibst. Schreibst du zuerst den Text oder zuerst die Musik? Oder beides zusammen?

Ganz verschieden. Lange Zeit habe ich eigentlich alle meine Lieder in einer halben Stunde geschrieben. Da kamen dann Text und Musik einfach so aus mir heraus. Das ist jetzt eher weniger geworden, was glaube ich auch an den komplexeren Themen meiner neueren Songs liegt. Da denke ich dann etwas länger und bewusster drüber nach. Bei der neuen EP „Das Ende der Geschichte“ haben zwei der vier Songs jetzt etwas länger gedauert, die anderen beiden gingen wieder sehr schnell.

Grundsätzliche mache ich mir häufig Notizen mit einzelnen Textzeilen oder Gedanken, die ich habe. Da kommt es dann nur darauf an, dass ich sie aufschreibe. Wenn sie gut sind, erinnere ich mich dann auch wieder dran. Die anderen schaue ich mir meistens nie wieder an. Dann habe ich auch manchmal Ideen für ein Gitarrenriff oder eine Melodie und irgendwann passt dann einfach alles zusammen und ein neuer Song entsteht.

Die Zeile „Fug und Recht sind Schall und Rauch“ (aus dem Song „Die letzte Eule in Athen“) zum Beispiel habe ich schon vor zwei Jahren geschrieben. Und irgendwann Ende des letzten Jahres hat dann alles super zusammengepasst und ein Song ist daraus entstanden.

Gibt es Musiker*innen oder Bands, die deinen Songwriting-Stil in den letzten Jahren beeinflusst haben?

Ich glaube das passiert immer unterbewusst. Beim Schreiben selbst ist das aber für mich kein Thema, ich will da nicht wie eine bestimmte andere Band klingen oder so.

Trotzdem habe ich zum Beispiel nach der Veröffentlichung einer englischsprachigen Platte mit meiner Band „OTAGO“ das Feedback bekommen, dass sich Leute an bestimmte Bands erinnert fühlen, die ich tatsächlich damals viel gehört habe. Zum Beispiel „The Notwist“, meine absolute Lieblingsband. Ich finde das aber auch irgendwie logisch, dass man meine Vorlieben in meiner Musik raushören kann.

Ansonsten erinnere ich mich noch, dass ich als Jugendlicher meine erste „Kettcar“-Platte bekommen habe. Das war dann eine völlig andere Art deutsche Musik zu schreiben, als ich sie zuvor von den „Ärzten“ oder den „Toten Hosen“ kannte. Das hat mich damals beeinflusst, als ich angefangen habe, meine ersten deutschsprachigen Songs zu schreiben.



„Im letzten Jahrzehnt gab es einen Trend hin zu individualistischen Texten. Ich will das auch gar nicht verteufeln, aber ich sehe gerade ganz andere und dringlichere Probleme, die ich ansprechen will.“



In anderen Interviews hast du davon gesprochen, dass die Themen deiner Songs sich im Laufe der Zeit verändert haben? Worüber hat der frühere „Spaceman Spiff“ gesungen und worüber singt der heutige „Hannes Wittmer“?

Das war ein Prozess, der schon mit der letzten „Spaceman Spiff“-Platte begonnen hat.

Auf den ersten beiden Alben ging es sehr stark um meine persönliche Entwicklung und mein direktes Umfeld. Ich glaube das ist mit Anfang 20 auch ganz normal, wenn man dabei ist, sich selbst zu finden.

Mit der „Endlich Nichts“-Platte hat sich mein Horizont dann etwas weiter auf die gesamte Gesellschaft geweitet. Da gings sehr viel um die Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit. Diesen weiten Horizont habe ich mir bis heute beibehalten.

Ich glaube auch, dass es im letzten Jahrzehnt in der deutschsprachigen Musik einen Trend hin zu selbstbezogenen und individualistischen Texten gab. Ich will das auch gar nicht verteufeln, auch das darf es geben! Aber davon gibt es meiner Meinung nach schon genug, das muss ich nicht auch noch machen. Außerdem sehe ich auch gerade in der Gesellschaft ganz andere und dringlichere Probleme, die ich ansprechen will.

Du hast die aktuelle EP größtenteils zu Hause, beziehungsweise in deinem Campingbus aufgenommen. Was war das für eine Erfahrung für dich?

Eine ziemlich befreiende und coole! Es wird ja häufig ein großes Mysterium um die perfekte technische Ausstattung und Produktion von Musik im Studio gemacht. Für diese EP habe ich jetzt, erzwungenermaßen wegen Corona, nur meine eigene Homerecording-Ausrüstung genutzt. Mit Clara (meiner Lebensgefährtin und Cellistin) habe ich im Wohnzimmer die Streicher und Gitarren arrangiert und aufgenommen. Das klang dann für uns auch genau richtig und gut. Nur die Gesangsaufnahmen haben da nicht so gut funktioniert. Dafür bin ich dann in meinen kleinen Campingbus gegangen, wo weniger Hall war. Die Aufnahmen haben mir am Ende dann auch so gut gefallen, dass ich sie nicht nochmal neu aufnehmen musste.

Hast du ein bestimmtes Gefühl, dass du über deine EP „Das Ende der Geschichte“ an deine Zuhörer*innen weitergeben möchtest?

Da sind ganz viele verschiedene Gefühle mit drin. Zum einen ist das ein Hauch von Resignation, aber gleichzeitig auch der Versuch, sich ihr nicht zu ergeben. Zum anderen ist da aber auch sehr viel Wut mit drin. Ich versuche sie nur anders zu kanalisieren und nicht einfach planlos rumzuschreien. Außerdem verspüre ich auch ganz viel Überforderung auf Grund der Komplexität der momentanen Situation. Aber es ist auch eine ganz große Hoffnung mit dabei! Ansonsten müsste ich das alles gar nicht machen.



Ich bin immer weniger wütend auf einzelne Menschen, sondern viel mehr auf die Strukturen.“



Du sagst es ist auch viel Wut dabei. Auf wen bezieht sich diese Wut? Du hast in Interviews immer wieder betont, dass du nicht einzelne Leute verurteilen möchtest, sondern eher verstehen willst, warum sie sich zum Beispiel in den Nationalismus flüchten. Was sind deine Gedanken zu dieser Frage?

Ich bin immer weniger wütend auf einzelne Menschen, sondern viel mehr auf die Strukturen. Wir Menschen haben uns Systeme geschaffen, die aber meiner Meinung nach gerade an ihre Grenzen stoßen und nicht mehr funktionieren.

Wir leben in einer hoch individualisierten Gesellschaft, in der sich jeder um sich selbst dreht. Dabei wird aber Einsamkeit in allen Schichten ein zunehmendes Problem, weil wir alle soziale Wesen sind und Gemeinschaften suchen, in denen wir uns aufgehoben und mit anderen verbunden fühlen. Diese Verbundenheit finden einige Menschen dann zum Beispiel in nationalistischen Erzählungen oder Verschwörungstheorien.

Gleichzeitig führt, glaube ich, auch ein empfundener Kontrollverlust, der durch die riesigen Herausforderungen des Klimawandels oder der größer werdenden sozialen Ungleichheit entsteht, zu einer großen Angst bei den Menschen. Die natürliche Reaktion darauf ist dann eben, sich abzuschotten und die Notwendigkeit zur Veränderung zu ignorieren.

Noch ein wichtiger Punkt scheint mir zu sein, dass unsere repräsentative Demokratie für viele nicht das Gelbe vom Ei ist, weil sie nicht partizipativ genug ist. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Meinung gar keine Rolle spielt.

Schlussendlich sind das alles Dinge, die viel mit dem Kapitalismus und unserem Wirtschaftssystem zu tun haben. In der Politik spielen die Wirtschaft und der damit verbundene Lobbyismus eine riesige Rolle. Da schaut jeder eben nur auf sich! Und das rächt sich jetzt alles ein bisschen, denke ich.

Aber ich sage auch dazu: Ich bin kein Soziologe oder Politikwissenschaftler. Das ist meine Sicht auf die Dinge, die ich mir in den letzten Jahren durchs Lesen und Nachdenken gebildet habe.

Du sagst, dass wir gesellschaftliche Strukturen verändern müssen und da bin ich ganz bei dir. Du thematisierst in deinem Song „Die letzte Eule in Athen“ aber auch, wie schwierig es ist, wirklich selbst aktiv zu werden. Ich habe mich dabei auch selbst „ertappt“ gefühlt. In welchen Situationen verspürst du diese Barriere, bevor du wirklich aktiv wirst? Hast du das auch bei deiner Entscheidung, alles auf „Pay-what-you-want“-Basis zu machen, gemerkt?

Ja, auf jeden Fall! Ich glaube, dass wir viele unserer gesellschaftlichen Probleme schon genau analysiert haben und auch verstehen, allen voran der Klimawandel. Und wenn man ganz ehrlich ist, hätten wir auch viel größere Handlungsmöglichkeiten. Aber es ist häufig schwer, hier den nächsten Schritt zu gehen und auf die Handlungsebene zu kommen. Man bekommt Angst vor der eigenen Courage. Das ist etwas, mit dem ich mich viel beschäftigt habe und auch ich habe natürlich Angst etwas zu verlieren. Auch ich suche nach Sicherheit und Routine.

Ich weiß auch nicht, ob zum Beispiel allen die bei den Fridays for Future-Demos mitlaufen, der volle Umfang der Veränderungen bewusst ist, der mit ihren Forderungen einhergehen würde. Da fehlt aber vielleicht auch eine große Erzählung, an der sich die Leute festhalten können. Ich versuche da, als kleiner Songwriter, irgendwie auch meine Rolle einzunehmen und zu zeigen, dass man Dinge auch anders machen kann. Und wenn das viele machen, dann entstehen neue Verbindungen, aus denen dann irgendwann so eine große Erzählung von einem anderen gesellschaftlichen Zusammenleben werden kann.

Meinst du, wir sind alle tief in uns drin konservativ, weil wir nicht wollen, dass sich etwas ändert?

Vielleicht. Ich denke, es gibt zumindest einen biologisch konservativen Anteil in jedem von uns. Weil wir es sicher und kuschelig haben möchten und eigentlich nicht über unser nahes Umfeld hinausdenken können. In der großen Masse funktionieren wir nur, weil wir uns Geschichten erzählen, zum Beispiel von Nationalstaaten oder der Weltwirtschaft. Das sind ja alles Erfindungen, die wir mit unseren Worten geschaffen haben.



„Ich erreiche weniger Leute, hoffe aber, dass die Menschen, die ich erreiche, sich dann tiefergehend von meiner Musik angesprochen fühlen.“



Weg von den abstrakten Diskussionen, hin zu ganz praktischen Fragen deines Alltags: Wie promotest du eigentlich deine Musik oder deine neue EP, wenn du bei Spotify etc. nicht präsent bist? Wie erreichst du auch ganz neue Leute, die deine Musik noch gar nicht kennen?

Sehr gute Frage, ich würde sagen mit Geduld. Dadurch, dass ich mich nicht so intensiv mit Social Media und sonstigen Marketingmaßnahmen befasse, habe ich mehr Kapazitäten für andere Dinge. Ich erreiche zwar weniger Leute, hoffe aber, dass die Menschen, die ich erreiche, sich dann tiefergehend von meiner Musik angesprochen fühlen. Vielleicht stoßen sie dann auch auf meinen Blog, meinen Podcast oder kommen zu meinen Konzerten. Das passiert auf dem Weg, den ich gewählt habe, glaube ich eher, als wenn ich in irgendwelchen Spotify-Playlists auftauche. Ich glaube mein „Kunstwerk“ besteht nicht mehr aus einzelnen Songs, sondern aus dem großen Ganzen, bestehend aus der Musik, meinen Konzerten, Blog, Podcast oder eben auch der Art, wie ich meine Musik veröffentliche.

Zum anderen habe ich natürlich auch mehr Freiheiten. Ich habe jetzt zum Beispiel vier Songs zusammen mit sieben Minuten gesprochenem Wort veröffentlicht. Das kann man sich bei Spotify eher nicht so vorstellen.

Was möchtest du den Menschen im Publikum deiner Konzerte mitgeben?

Ein Gefühl der Verbundenheit, gerne ein bisschen Hoffnung und auch eine Aktiviertheit gegenüber der Überforderung durch die großen Fragen.

Es ist aber schwer das konkret zu sagen. Ich merke, dass in meinem Publikum sehr verschiedene Menschen stehen. Ich hoffe, dass sie alle was aus meiner Musik mitnehmen können, ohne sich über- oder unterfordert zu fühlen oder ihnen das zu politisch ist.

Du hattest auf deiner letzten Tour auch einen Stuhl auf der Bühne, auf dem Menschen aus dem Publikum zu Wort kommen konnten. Das interpretiere ich als Versuch, ein Konzertformat zu schaffen, in dem du als Künstler in den Dialog mit deinem Publikum treten kannst. Ist es das, was einen „perfekten“ Konzertabend auch für dich persönlich ausmacht?

Ich mag es am liebsten, wenn man merkt, dass im Raum ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Es soll eben genau nicht diese Top-Down Situation sein, in der ich der große Macker bin und alleine im Mittelpunkt stehe. Ich versuche eine Situation auf Augenhöhe zu kreieren, was ja allein durch die erhöhte Position auf der Bühne schon schwierig ist. Aber meistens klappt es trotzdem und das finde ich total schön. Aktuell ist das ganze durch diverse Corona-Beschränkungen natürlich schwieriger geworden. Aber da muss man jetzt eben einen Weg finden mit umzugehen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Hannes!


Der Interviewpartner: Hannes Wittmer

Eigentlich wär Hannes gerade in Kanada. Nachdem er 2018 sein Alter Ego „Spaceman Spiff“ abgelegt, dem Musikbusiness den Rücken gekehrt und anschließend zahlreiche Konzerte auf Pay-What-You-Want-Basis gespielt hat, wollte er auf einem Frachtschiff den Atlantik überqueren. Wie bei so vielen anderen, ist durch das Coronavirus alles ganz anders gekommen. In dieser unruhigen Zeit ist nun „Das Ende der Geschichte“ entstanden, eine Hand voll Lieder über das Zeitgeschehen. Statt in Kanada lebt er nun auf einem Campingplatz bei Würzburg.

Auf seiner Homepage findet ihr seine Musik, seinen Blog und seinen Podcast: www.hanneswittmer.de



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