Review,  Songwriting

Review: „Das Ende der Geschichte“ von Hannes Wittmer

Heute geht’s um die neue EP „Das Ende der Geschichte“ von Hannes Wittmer (früher: Spaceman Spiff). Ein Songwriter, der auf meinem Blog auf keinen Fall unerwähnt bleiben darf. Ich plane schon seit längerem einen Beitrag zu einem seiner Songs, von denen viele auf jeden Fall in die Kategorie „Hätte ich selbst gerne geschrieben“ fallen. Hannes macht sich extrem viele (kritische) Gedanken zu unserer heutigen Gesellschaft, woraus wunderschön melancholische und tiefgründige Songs entstehen. Auch sich selbst und seine Rolle in dieser Gesellschaft reflektiert er in seinen Texten. Eigentlich wollte ich euch an dieser Stelle einen meiner Lieblingssongs von ihm vorstellen. Doch wie der Zufall so will, veröffentlichte er nun relativ kurzfristig seine neue EP, die ich nun hier mit euch teilen möchte. Hört trotzdem auch mal in seinen Song „Mit Scherenhänden“ rein, den ich euch ansonsten heute ausführlicher vorgestellt hätte.

Hannes Wittmer, Foto von Christoph Naumann

„Das Ende der Geschichte“ ist die zweite Veröffentlichung, die Hannes , wie auch seine Konzerte, auf „Pay-what-you-want“-Basis zur Verfügung stellt. Er möchte sich damit, wie er selbst schreibt, von einem „ewigen ‚man-müsste‘-Gerede auf eine Handlungsebene retten“. Denn hinter dem Ansatz, seine Musik ohne festen Preis und ohne die Hilfe von großen Konzernen wie Amazon oder Spotify unter die Leute zu bringen, steht nicht nur sein Protest gegen die Strukturen im Musikbusiness. Es ist auch die Einsicht, dass es notwendig ist „die Art und Weise, wie wir wirtschaften und wie wir über Arbeit, Gesellschaft und Verantwortung nachdenken, radikal zu ändern“. Mehr dazu und auch zum finanziellen Ergebnis seiner ersten „Pay-what-you-want“-Tour lest ihr hier auf seinem Blog.


„Das Ende der Geschichte“ – Eine EP vom Campingplatz!

Jetzt aber zurück zur Musik! Eigentlich war die Veröffentlichung der EP für dieses Jahr nicht vorgesehen. Doch wegen Corona konnte Hannes nicht wie geplant nach Kanada reisen. Weil seine Wohnung schon gekündigt war, zog er auf einen Campingplatz, wo er mit Hilfe von Solarstrom seine Gesangsspuren für die neue EP aufnahm. Zu den vier Songs, die dabei herausgekommen sind, sagt er selbst auf seiner Homepage:

„Im Großen und Ganzen geht es um Ängste, Ratlosigkeit, Hoffnung, die menschliche Natur und das Abschiednehmen von Altbekanntem.“

Ich habe in die Lieder reingehört und teile nun meine Gedanken dazu mit euch. Das Besondere an dieser EP-Vorstellung ist, dass wir meine Interpretationen direkt mit den Gedanken von Hannes vergleichen können. Denn am Ende der EP erklärt er selbst die Hintergründe seiner Songs. Den habe ich mir natürlich erst angehört, nachdem ich meine eigenen Gedanken aufgeschrieben hatte.


Song 1: „Nachruf“

Der erste Song heißt „Nachruf“ und ist für mich schon der herausforderndste. Ich war mir erst nicht sicher, worum es in diesem Song geht. Zusammen mit den anderen Songs fügte er sich aber gut in den thematischen Kontext der EP ein und wurde mir dadurch etwas klarer. Er hat durchweg eine positive Atmosphäre, ein leichtes Gitarrenpicking untermalt den Song und das mehrstimmige Ende bringt irgendwie eine festliche Stimmung. In der Mitte des Songs heißt es: „Das 20. Jahrhundert ist endgültig vorbei“. Ist „Nachruf“ vielleicht eine Hymne für alles Vergangene?
Der Text drückt aus, wie schwierig es ist, das Vergangene loszulassen:

„Gestern ist lange schon tot, aber immer noch da […] Das einzige was all dem noch Gewicht gibt, ist die Angst es zu verlieren.“

Uns fällt es schwer, unser gewohntes Denken und unsere Errungenschaften abzulegen, um Platz für Neues zu schaffen. Das zeigt sich auch mit Blick auf viele gesellschaftliche Themen unserer heutigen Zeit. Viele Menschen haben Angst, ihr Leben zu verändern, womöglich etwas von ihrem hart erarbeiteten Wohlstand abgeben zu müssen, um das Klima zu retten oder Menschen aus anderen Teilen der Welt zu helfen. Irgendwie fällt es doch uns allen schwer, zum Beispiel unser gewohntes Konsumverhalten abzulegen.
Am Ende wiederholt Hannes immer wieder den Satz:

„Ich hab so viel über das Leben und nichts über den Tod gelernt.“

Das interpretiere ich so: Wir haben nicht gelernt, etwas Gewohntes sterben zu lassen. Wir können nur sehr schwer ertragen, wenn ein Mensch aus unserem Alltag verschwindet. Aber wir können auch nur schwer damit umgehen, wenn unser Lebensstil oder die Idee des endlosen Wachstums sich als falsch herausstellen und deshalb eigentlich “sterben“ müssten.


Song 2: „Ich Du Er Sie Ich“

Der zweite Song „Ich Du Er Sie Ich“ hat eine ganz andere Atmosphäre als „Nachruf“. Er ist melancholisch traurig. Im Hintergrund sind Geräusche zu hören (vielleicht sollen sie zu einem alten Projektor gehören?). Das würde zu den zentralen zwei Zeilen des Songs passen:

„Wir sind Projektoren und Leinwand zugleich. Wir alle sind Spiegel, aufeinander geeicht.“

Meiner Interpretation nach schildert Hannes in dem Song, wie sich unsere Gesellschaft und ihre Funktionsweise fortwährend reproduziert und damit auch all das Negative, was damit zusammenhängt. Jeder von uns ist nur „ein Produkt aus allen andern und mir“, wie Hannes singt. Wir werden von der Gesellschaft geformt und helfen anschließend dabei, andere ebenfalls in diesem Sinne zu formen:

„Weil jeder von uns eine Rolle spielt. Und jeder führt Regie.“

Zum einen führt das zu einem Anpassungsdruck, der auf jedem von uns lastet. Zum anderen macht es Veränderungen so schwierig, womit wir wieder beim Thema vom ersten Song wären.


Song 3: „Die letzte Eule in Athen“

Ich merke langsam, die Songs dieser EP passen thematisch zusammen 😉 In „Die letzte Eule in Athen“ geht es (nach meiner Interpretation) um die Sicht eines Menschen, den bestimmte Dinge stören, der sich aber trotzdem nicht so richtig aktiv für eine Veränderung einsetzt. 

„Ein Wille ist ein Weg, doch was wir wollen ist eine Bleibe.“

Das finde ich in mir selbst wieder. Ich verstehe die Notwendigkeit, bestimmte Dinge zu ändern (auch im persönlichen Lebensstil), um das Klima zu retten oder Menschen in anderen Teilen der Welt ein besseres Leben zu ermöglichen. Und doch setze ich nur einen Bruchteil der nötigen Schritte in meinem Alltag auch um. Ich glaube, viele kennen das auch von sich selbst! Die meisten Menschen wissen um die Gefahr der Klimaveränderungen und doch geht nur ein Bruchteil von ihnen freitags dafür auf die Straße. Die meisten Menschen wissen auch um die Bedingungen in Textilfabriken in Bangladesch und doch kaufen sie weiterhin billige T-Shirts bei den großen Modeketten.
Hannes singt dazu zum Beispiel folgende Zeilen:

„Fug und Recht sind Schall und Rauch. Und all die guten Gesten auch […] Wir sind alle schonmal aufgesprungen, um dann doch nicht loszurennen.“

Den Abschluss des Liedes bildet die folgende Zeile:

„Wenn das hier unser Eisberg ist, spiel ich uns die Musik.“

Wir sehen den Eisberg! Wir wissen um die Folgen eines Zusammenstoßes und doch machen wir „nur“ Musik, anstatt den Kurs zu ändern. Vom kognitiven Verständnis der Probleme bis hin zur aktiven Problemlösung ist es ein weiter Weg.
An dieser Zeile wird auch nochmal deutlich, dass sich Hannes selbst mit einbezieht. Das ist mir persönlich auch immer sehr wichtig, wenn ich gesellschaftskritische Songs schreibe. Es geht nicht darum mit dem Finger auf andere zu zeigen, sondern die Schwächen des Systems anzusprechen, zu dem man selbst gehört und in das man, wie alle anderen, hineinsozialisiert wurde. Wir sind letztendlich alle sowohl Teil des Problems, als auch ein potentieller Teil der Lösung.


Song 4: „Die Beschissenheit der Welt“

Der letzte Song „Die Beschissenheit der Welt“ ist, wer hätte es bei diesem Titel gedacht, ein Liebeslied. Dazu gibt es auch schon einen eigenen Beitrag auf der Homepage von Hannes.
Oft lässt einen die beschissene Welt vielleicht verzweifeln. Wir sehen nötige Veränderungen, doch wir selbst und die Gesellschaft sind zu langsam darin, sie anzugehen. Wir klammern uns an das was gestern richtig und wichtig war, obwohl wir wissen das es heute falsch ist (und manchmal vielleicht auch eigentlich immer schon falsch war). Das deprimiert und raubt auch ein Stück eigene Antriebskraft.
Davon singt Hannes in diesem Lied. Aber es gibt da diese eine Person, die einem Kraft gibt und mit der man sich zusammen der beschissenen Welt entgegenstellt:

„Ich brauch nicht lang überlegen, was mich jetzt noch auf den Beinen hält. Und so stell ich ihr uns entgegen, der Beschissenheit der Welt.“

Das Thema und diese Zeilen erinnern mich auch ein bisschen an meinen eigenen Song „Bei dir“, zu dem ich auch schon hier auf dem Blog etwas geschrieben habe.


Auflösung: Welche Gedanken stecken wirklich hinter den Song?

Am Ende der EP erzählt Hannes von seinen Gedanken, die den Kontext zu „Das Ende der Geschichte“ liefern. Das kannst du dir hier in voller Länge (gut 8 Minuten) anhören. Er stellt fest, dass die Leute die großen Veränderungen der heutigen Zeit spüren und sich in einer zunehmend komplexen und überfordernden Welt an der Vergangenheit festhalten. Sie finden ihren Halt zum Beispiel in nationalistischen Ideen, anstatt sich aktiv für eine andersartige, aber bessere Zukunft einzusetzen.
Ich glaube, dass Hannes viele meiner Gedankenschritte zu seinen Songs nachvollziehen könnte. Jedenfalls kann ich das bei seinen Gedanken, die er am Ende der EP erläutert. Ich finde es gut, dass Hannes in seinen Songs nicht einfach nur andere anprangert, sondern auch immer seine eigene Rolle reflektiert und auf Schuldzuweisungen verzichtet.
Es wird deutlich, dass Hannes sich wirklich um die Entwicklungen in der Welt sorgt. Sie lassen ihn nicht kalt und er schafft es auf sehr reflektierte und empathische Art und Weise seine Kritik und persönliche Verzweiflung in die Songs mit einfließen zu lassen. Er findet deutliche Worte, ohne jemanden persönlich anzugreifen.
Wie immer merkt man, dass auch in dieser EP wieder viele Gedanken, viel Zeit und viel Herzblut stecken.



Das Reinhören lohnt sich also auf jeden Fall!
Hier geht’s zur EP „Das Ende der Geschichte“ von Hannes Wittmer.

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