Interviews,  Poetry Slam Special

Interview mit der Slam-Poetin Jule Keller

Im ersten Teil dieses zweiteiligen Poetry Slam-Specials rede ich mit der Slam-Poetin Jule Keller aus Berlin über die Faszination Poetry Slam, ihre Verbindung zur Musik und den Unterschied zwischen Song- und Slamtexten.

Jule habe ich durch einen Aufruf bei Facebook kennengelernt. Sie hat mir einen ihrer vielen, wirklich tollen, Texte zur Verfügung gestellt, damit ich ihn für den zweiten Teil dieser Serie vertonen kann. Das Ergebnis hört ihr dann voraussichtlich am 24.08. hier auf dem Blog! Bis dahin schaut euch mal ein paar Videos von Jule auf YouTube an (z.B. das untenstehende). Es lohnt sich!

Poetry Slam von Jule Keller zum Thema Essstörungen



Hallo Jule, schön dass du Zeit gefunden hast mit mir zu quatschen. Vielleicht kannst du dich zuerst kurz vorstellen und erzählen, wie du zum Poetry Slam gekommen bist.

Ich bin Jule, 26 Jahre alt und lebe jetzt seit 8 Jahren in Berlin. Ich bin zum Poetry Slam gekommen, weil ich eigentlich immer schon sehr gerne geschrieben habe. Das hat angefangen als Kind, als ich meine Lieblingsbücher quasi reproduziert habe. Als Teenager war ich dann auch das erste Mal bei Lesungen und Workshops und habe seitdem auch immer den Berufswunsch „Autorin“ gehabt. Meine Schwester hat mich dann auf Poetry Slams aufmerksam gemacht und da hat man ja hier in Berlin quasi jeden Tag die Möglichkeit bei so einem Slam teilzunehmen. Das habe ich dann auch irgendwann mal gemacht und bin da drangeblieben, obwohl ich beim ersten Mal todesnervös war. Man lernt in der Szene dann auch sehr schnell Leute kennen, die einem weitere Slams empfehlen. Das wird dann, vor allem in Berlin, irgendwie ein Selbstläufer.

Und dem Berufswunsch „Autorin“ näherst du dich ja jetzt auch über dein Studium, richtig?

Ja genau. Ich habe zuerst hier in Berlin Englisch und Französisch studiert und darin auch einen Bachelorabschluss. Das wollte ich dann aber nicht noch weitermachen und hab mich stattdessen beworben, um an der Drehbuchakademie der dffb zu studieren. Es gab dann da eine Aufnahmeprüfung, wo man verschiedene kreative Aufgaben machen musste. Ich habe da beispielsweise einen Slamtext vorgestellt, musste aber zum Beispiel auch ein Fotoshooting gestalten, was für mich völliges Neuland war. Jetzt studiere ich dort und mache in einem Jahr dann meinen Abschluss.



„Beim Poetry Slam kannst du Menschen in kürzester Zeit sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen.“



Was macht für dich die Faszination am Poetry Slam aus?

Ich finde am Poetry Slam sehr spannend, dass man Menschen in kürzester Zeit sowohl zum Lachen als auch zum Weinen bringen kann. Außerdem kann man einfach das machen, worauf man Lust hat. Ich kann Themen ansprechen, die mir wichtig sind und Erfahrungen anderer Menschen in den Texten verarbeiten. Und dabei kommt es nicht darauf an, am Ende zu gewinnen. Wenn an einem Abend nur zwei Leute sagen, dass mein Text ihnen etwas gegeben hat, ist das für mich super wertvoll.

Welche Themen sind dir denn besonders wichtig? Worüber schreibst du?

Ich möchte in meinen Texten erzählen, was Menschen zu dem macht, was sie sind. Ich habe zum Beispiel einen Text geschrieben, indem es darum geht, wie die Kriegserfahrungen meiner beiden Opas ihre Verhaltensweisen geprägt haben. Oder auch einen Text über die Kindheit mit einem alkoholkranken und gewalttätigen Vater, den ich geschrieben habe, nachdem mir eine andere Person ihre Geschichte erzählt hat.

Ich möchte aber nicht nur die Geschichte erzählen, sondern die Zuschauer auch auf etwas aufmerksam machen, dass sie quasi mitnehmen können. Zum Beispiel geht es in einem Text von mir um Essstörungen und diverse Internetforen, in denen sich die Betroffenen gegenseitig anstacheln, immer weiter abzunehmen. Ich glaube, dass nicht jeder diese Seiten kennt und weiß was da abgeht. Ich versuche den Leuten über meine Texte also eigentlich immer eine neue Sicht auf die Welt zu präsentieren. Wobei sich mir diese Sicht auch erst beim Schreiben des Textes eröffnet.



„Ich versuche mich beim Schreiben richtig in die Gefühle reinzudenken. Dadurch klingt mir der Text aber häufig dann erst zu pathetisch.“



Was fällt dir leicht beim Schreiben und was fällt dir schwer?

Ich habe meistens sehr schnell ein Gerüst. Also wo fange ich meine Geschichte an und wo möchte ich damit hin. Was am längsten dauert ist eigentlich die Fleißarbeit am Ende, wenn es darum geht dem Text einen schönen Sprechrhythmus zu geben.
Außerdem ist die richtige Formulierung manchmal gar nicht so einfach zu finden. Ich versuche mich beim Schreiben richtig in die Situationen und die Gefühle reinzudenken, die ich transportieren möchte. Das führt aber häufig dazu, dass der Text mir erst zu übertrieben und pathetisch klingt. Da muss man dann nochmal dran feilen.

Wann ist der Punkt erreicht, dass ein Text für dich bühnenreif ist? Woran merkst du das?

Meistens ist das eine Gefühlssache, also: Fühlt sich das beim Vortragen rund und gut an?
Und ich mag es auch sehr gerne, wenn ich meine Texte auswendig vortragen kann. Das ist bei neuen Texten immer noch ein bisschen schwierig, aber ohne Zettel oder Buch vor der Nase ist der Kontakt zum Publikum einfach viel direkter.

Was ist dir wichtig beim Vortragen auf der Bühne? Wie interagierst du auch mit dem Publikum?

Ganz wichtig finde ich, dass man sich Zeit lässt. Auch wenn ich mal nervös bin bei einem Auftritt, versuche ich langsam zu sprechen. Manche Sätze muss man einfach einen Moment stehen lassen und eine Pause machen. Da bekommt man dann auch die Reaktionen des Publikums mit.

Ich versuche auch Emotionen über meine Stimme rüberzubringen. Dabei helfen mir auch die Atemtechniken, die ich mal im Gesangsunterricht gelernt habe. Blickkontakt zum Publikum suchen ist auch ganz wichtig.



„Der Poetry Slam hat für mich schon seinen eigenen Reiz, auch wenn Gewinnen nicht alles ist.“



Vor einigen Wochen habe ich mich mit Max Madjé über den Wettbewerbscharakter bei Song Slams unterhalten. Wie empfindest du das bei Poetry Slams? Ist der Wettbewerb für dich eher ein Anreiz, oder empfindest du ihn als störend, weil Kunst jeglicher Art natürlich nicht objektiv vergleichbar ist?

Ich glaube ich habe mich da schon dran gewöhnt. Ich bin auch gerne bei Lesebühnen dabei, wo es am Ende keine Abstimmung gibt, aber der Poetry Slam hat für mich auch nochmal einen eigenen Reiz. Eine meiner Schwestern hat aber tatsächlich wieder mit dem Slammen aufgehört, weil ihr der Wettbewerbscharakter zu stressig war.

Ich finde aber auch, dass der Reiz des Gewinnens nicht alles ist. Man kann auch einen schönen Abend beim Slam haben und am Ende ist es eigentlich voll egal wer gewonnen hat, weil sich jeder für den anderen freut und man hinterher noch zusammen den Siegerschnaps leert oder so. Also von der Einstellung der anderen und der Veranstaltung selbst hängt für mich ab, ob mich der Wettbewerbscharakter stört oder nicht.

Wie ist eigentlich deine Verbindung zur Musik? Du hast ja erzählt, dass du schon mal beim Gesangsunterricht warst?

Ja, also meine Eltern sind beide Musiklehrer und da wurde Jule dann mit 5 gefragt, welches Instrument sie denn gerne lernen möchte. Ich habe mich für Klavier entschieden und hatte auch 10 Jahre lang Unterricht. Meine Schwestern haben alle Geige gelernt und auch im Orchester gespielt. Da hatte ich auch Lust drauf und hab deshalb zusätzlich noch Bratsche gelernt. Die habe ich dann in verschiedenen Jugendorchestern gespielt, was mir echt viel Spaß gemacht hat. Ich musste da allerdings immer schauen, dass ich nicht negativ auffalle, weil die meisten doch schon weiter waren als ich.

Außerdem habe ich auch irgendwann angefangen, beim Klavierspielen mitzusingen. So kam ich dann auch zum Gesangsunterricht, wo ich mit meiner Schwester zusammen noch drei Jahre hingegangen bin.

Am Ende noch eine (vielleicht) provokative Frage. Was kann Poetry, was Musik nicht kann oder andersherum?

Haydn hat glaube ich gesagt, dass seine Sprache die ganze Welt versteht und das war ja die Musik. Bei meinen deutschen Slamtexten ist das natürlich anders.

Musik ist aber immer ein Stück mehr Auslegungssache denke ich. In verschiedenen Lebenssituationen kann sie ganz anders gefühlt werden. Bei Texten ist das weniger der Fall, da gibt es zumindest eine feste Basis würde ich sagen, die immer gleich verstanden wird.




Die Interviewpartnerin: Jule Keller

Jule liebt Wörter und Geschichten. Wo man sie lässt, trägt sie auf Poetry Slam-Bühnen ihre Texte vor.

Hier findet ihr Jule bei Facebook

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