Poetry Slam Special

Poetry vertont! – „Elf Jahre“

Heute gibt es hier auf dem Blog den zweiten Teil eines Poetry Slam Specials. In diesem hört ihr meinen Song „Elf Jahre“, der eine Vertonung des Slamtextes „Elf Jahre, sieben Monate, fünf Wochen und drei Tage“ von der Berliner Poetin Jule Keller ist. Mit ihr habe ich mich im ersten Teil dieses Specials unterhalten. Das könnt ihr hier nachlesen!

Bevor ihr euch den Song im Endergebnis anhört, könnt ihr hier nachlesen, wie Jule und ich den Text jeweils interpretieren.

Ein Slamtext von Jule Keller (rechts), vertont von Marius Rogall (links)


Jules eigene Interpretation


Worum geht’s in dem Text „Elf Jahre, sieben Monate, fünf Wochen und drei Tage“?

In diesem Text geht es um einen Jungen namens Tim, der eben genau in diesem Alter plötzlich an Krebs verstirbt. Mit ihm sterben auch alle Zukunftsvisionen, die er selbst oder auch seine Eltern für ihn hatten. Das sind Berufswünsche, oder auch kleine Dinge, wie das Fußballspielen mit seinen Freunden. Die Geschichte von Tim zeigt, dass man mit seinen Träumen nicht warten sollte. Es klingt vielleicht etwas abgedroschen, aber letztendlich ist die Message des Textes: Carpe Diem – Nutze den Tag!

Welche Message möchtest du dem Publikum mitgeben?

Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich, vor allem alle die älter als 11 Jahre sind. Man sollte sich ehrlich fragen, womit man seine Zeit füllen möchte. Habe ich den Beruf, den ich haben will? Führe ich die Beziehung, die ich führen will? Lebe ich an dem Ort, an dem ich leben möchte?

Wenn das nicht so ist, dann sollte man seine Träume verwirklichen, bevor es aus irgendwelchen Gründen zu spät ist. Ich selbst bin zum Beispiel vor einigen Jahren mit meinem Freund nach New York geflogen. Heute bin ich froh, dass ich mir diesen Wunsch noch vor Trump erfüllt habe. Heute würde ich da nicht mehr so gerne hin.

Hier findet ihr Jule bei Facebook!



Meine Interpretation


Nach dem ersten Lesen von Jules Text habe ich mich sehr darauf gefreut, ihn zu vertonen. Jule erzählt hier eine emotionale Geschichte in einer Art und Weise, dass sie wirklich unter die Haut geht. Mir gefällt die Dynamik der Story. Zunächst beschreibt sie die heile Welt, in der Tim lebt, bevor sich ganz plötzlich sein Leben in ein „Krankenhausdrama“ verwandelt. Dieser Wendepunkt trifft den Zuhörer unvorbereitet und hart. Ich habe den Song schonmal vor Publikum gespielt und man merkt an dieser Stelle eine deutliche Reaktion der Zuhörer. Sie spüren die Dramatik der Geschichte, die sich an diesem Punkt entwickelt. Jules Message am Ende (Erfüllt euch eure Träume, solange ihr könnt!) wirkt glaube ich deshalb so gut, weil sie die Geschichte von Tim vorher so hart, real und ohne Happy End erzählt.

Ganz besonders berührt hat mich die Perspektive der Angehörigen. Diese plötzliche Ohnmacht nicht nur von Tim, sondern auch von seiner Familie. Die Frage nach dem Warum, die hier keine Antwort finden wird. „Verdammte scheiße, das Leben ist nicht fair!“. Dieser Satz und dieses Gefühl der Hilflosigkeit, nimmt den zentralsten Platz in meiner Vertonung von Jules Text ein.

In diesem Zusammenhang finde ich auch die folgenden Zeilen wichtig:

„Und was man von außen ja doch niemals sah,
wird in getesteten Werten jetzt krass deutlich klar.“

Sie beschreiben die Unwirklichkeit der Situation. Gestern tobte Tim noch in seinem Baumhaus herum und heute ist er auf einmal todkrank, obwohl man von außen keine Veränderung erkennt. Das ist schwer zu begreifen.

Auch wenn ich die „Message ans Publikum“ gut finde und sie auch eingebaut habe, wollte ich versuchen die Ohnmacht und Hilflosigkeit aller Beteiligten in meinem Song in den Mittelpunkt zu stellen. Im Alltag haben wir eigentlich das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Das ist auch gut so! Sonst wären wir kaum in der Lage unseren Alltag zu bewältigen. Wenn mal etwas schief geht, dann wissen wir oft woran es gelegen hat und was wir beim nächsten Mal anders machen sollten, damit es besser läuft.

Die beschriebene Situation von Tim und seiner Familie ist aber so unendlich schmerzvoll, obwohl niemand etwas falsch gemacht hat. Niemand hat Fehler gemacht. Aber auch niemand kann das Problem lösen. Das berührt mich und hinterlässt bei mir ein mulmiges Gefühl, welches ich versuche über den Song zu transportieren. Auch wenn es weh tut! Man kann nur hoffen, niemals selbst in diese Situation zu kommen.



Hier könnt ihr in den fertigen Song reinhören! Ich freu mich über euer Feedback!

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