Auf der Bühne,  Interviews

Was man als Straßenmusiker wissen muss

Ein Interview mit dem langjährigen Straßenmusiker Steevo


Vor einigen Wochen habe ich mir Gedanken um die passendsten Veranstaltungsformate für Singer-Songwriter gemacht. Das kannst du gerne hier nochmal nachlesen.
Unter anderem wurde dort auch die Straßenmusik als „Bühne“ für die eigenen Songs diskutiert. Da ich selbst aber über wenig Erfahrung auf der Straße verfüge, habe ich Steevo aufgespürt und kontaktiert. Er macht seit Jahren den Sommer über sehr regelmäßig Straßenmusik und teilt in diesem Interview seine Erfahrungen mit mir und euch.

Vielleicht bekommt ja der ein oder andere dadurch Lust, es auch nochmal zu probieren. Teilt mir gerne eure Erfahrungen, Anekdoten oder Meinungen zu diesem Beitrag und der Straßenmusik hier im Blog, oder bei Facebook mit. Ich freu mich auf den Austausch mit euch!


Hallo Steevo! Schön, dass du dir Zeit nimmst, um mit mir über Straßenmusik zu sprechen. Als erstes interessiert mich aber dein musikalischer Werdegang. Wie bist du zur Musik gekommen? Wann hattest du deine erste Gitarre in der Hand?

Ich mache eigentlich Musik seitdem ich denken kann. Meine Mutter war Profimusikerin. Sie ist Norwegerin und war viel in der skandinavischen Folk-Szene unterwegs. Ich bin also quasi mit Musik aufgewachsen und hatte mit fünf dann meine erste Gitarre in der Hand. Darauf habe ich dann erstmal ein bisschen rumgeklimpert, später dann auch Unterricht genommen. Zusätzlich habe ich auch in der Schule viele Musik-AGs gemacht und im Chor gesungen. Musik war also mein ständiger Begleiter.

Verdienst du eigentlich deinen Lebensunterhalt mit der Musik?

Ich versuche es so gut wie möglich. Mit Musik Geld zu verdienen ist nämlich ein ziemlich angenehmer Job, finde ich und es macht mir sehr viel Spaß. Auf der Straße ist es natürlich immer sehr unterschiedlich, wie viel man verdient. Aber gerade im Sommer versuche ich so gut wie möglich von der Musik zu leben. Ich komme aber nicht ganz drumherum auch kleinere Jobs nebenbei zu machen.

Ich habe mich mal durch deine Musik gehört und hab da durchaus auch sehr unterschiedliche Genres geboten bekommen. Was hast du schon für Musik gemacht? Welchem Genre würdest du dich selbst zuordnen und aus welcher musikalischen Richtung kommst du eigentlich?

Eigentlich mag ich alles was handgemacht ist. Ich spiele jetzt seit 30 Jahren alle möglichen Gitarren und habe in allen möglichen Bands gespielt. Von meiner ersten Heavy Metal Band mit 17 über Vintage Rock bis hin zu Death Metal habe ich alles schon ausprobiert. Ich habe eine Zeit lang relativ viel in Punkbands gespielt, weil das einfach Spaß gemacht hat und mir die politische Prägung der Musik da sehr gut gefallen hat. Gleichzeitig begleitet mich aber auch die Singer/Songwriter-Musik seit vielen Jahren, weil ich auch immer viel allein gemacht habe. Dabei wurde ich sehr stark durch meine Erfahrungen von der Straße geprägt.



„Ich will nur rausgehen und Rock’n’Roll machen. Ich will diese ehrliche Erfahrung!“



Du hast also von Anfang an auch regelmäßig auf der Straße gespielt?

Ja genau. Ich bin mit 18 Jahren da eigentlich aus der Not heraus zu gekommen. Es war damals eine schwierige Zeit und ich musste irgendwie mein eigenes Geld verdienen. Da habe ich mich in eine U-Bahn-Station in Berlin gesetzt und da das erste Mal Straßenmusik gemacht. Ohne zu wissen was passiert. Aber am Ende des Tages habe ich gemerkt, dass ich mich damit ernähren kann.

Und heute weiß ich, dass das wirklich mein Ding ist! Ich freu mich auch sehr, dass ich jetzt wieder auf die Straße kann. Dieses ganze Social Media Marketing oder Livestreams – das mache ich nicht gerne und das interessiert mich auch nicht. Ich will nur raus gehen und Rock’n‘Roll machen. Ich will diese ehrliche Erfahrung!

Was fasziniert dich an der Straßenmusik besonders?

Bei der Straßenmusik hat man den direktesten und ehrlichsten Kontakt zu seinem Publikum. Es gibt keine Barrieren! Du erfährst unmittelbar ihre Wertschätzung oder notfalls auch ihren Hass.

Hat es dich je Überwindung gekostet auf der Straße zu spielen?

Vor allem am Anfang kostet es jede Menge Überwindung! Man spielt ja da vor irgendwem. Auch vor Leuten, die du vielleicht eher störst mit deiner Musik. Aber da muss man am Anfang einfach durch! Es wird besser, sobald man Aufmerksamkeit und Wertschätzung für seine Musik erhält. Dafür ist es dann auch wichtig, nicht die typischen Fehler zu machen. Ich habe am Anfang zum Beispiel gesessen. Das ist ganz schlecht!

Mein Glück war es, dass ich dann einen anderen Straßenmusiker kennengelernt habe, der quasi zu meinem Mentor wurde. Er hat mir ein paar Tipps gegeben und mir zum Beispiel bei meiner Performance geholfen.



„Ich mache einfach Musik und versuche sie mit Spaß und Enthusiasmus rüberzubringen.“



Gutes Stichwort. Wenn ich jetzt morgen mit Straßenmusik anfangen will, worauf muss ich denn dann unbedingt achten, damit ich gut ankomme?

Am besten man stellt sich vor ein leeres Ladenlokal. Dann geht man drei, vier Meter in die Fußgängerzone hinein und baut sich da eine Art Bühne, um Präsenz zu zeigen. Die kann man sich zum Beispiel mit seinem Rucksack, seiner Gitarrentasche und so weiter abstecken. Ich gucke dann beim Spielen die Leute direkt an, lächle ihnen zu und versuche so mit ihnen zu interagieren. Das Erscheinungsbild, also die Klamotten, sind dabei übrigens völlig egal. Sei du selbst! Ich mache auch keine große Show dabei oder so. Ich mache einfach Musik und versuche sie mit Spaß und Enthusiasmus rüberzubringen. Wenn wirklich mal einige Leute stehen bleiben erzähl ich vielleicht mal eine Anekdote zu den Songs.

Braucht ein Straßenmusiker eigentlich andere musikalische Fähigkeiten als ein „Bühnenmusiker“?

Keine anderen Fähigkeiten, aber man muss schauen, dass man seine Stimme nicht zu schnell verliert. Man unterschätzt häufig die Grundlautstärke einer Stadt. Deshalb sollte man sich einen Platz suchen, an dem man sich selbst auch gut hört. Das kann vor einer Glasfassade oder im Eingangsbereich eines Kaufhauses sein, wenn das schon geschlossen hat. Sonst schreit man nur gegen den Wind und ist dann nach einer Viertelstunde heiser.

Gibt es eine Strategie, wo und wann man am meisten Geld auf der Straße verdienen kann?

Es gibt da keine richtige Faustregel oder so. In den letzten zehn Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, dass kleinere Städte meistens besser funktionieren als größere. Berlin ist zum Beispiel schwierig, weil es dort sehr laut und alles sehr dezentral ist. In kleinen Städten hast du meistens eine Fußgängerzone und das ist für Straßenmusik praktisch. Du kannst im Prinzip aber überall Geld verdienen, wenn du ein bisschen kreativ bist.

Hast du Lieblingsstädte, in denen du am liebsten Straßenmusik machst?

Hier wo ich gerade bin, gefällts mir eigentlich sehr gut. Hier sind zum Beispiel Marburg und Gießen in der Nähe. Die eignen sich gut für Straßenmusiker, weil sie durch Studenten geprägt und nicht so riesig sind. Da herrscht ein sehr angenehmes und junges Flair. In Marburg kommen auch noch einige Touristen dazu. In den Städten macht es meistens wirklich viel Spaß und sie sind für mich auch einfach und günstig zu erreichen mit der Bahn.



„Du triffst auf der Straße echt viele crazy Typen!“



Wie sind denn die Reaktionen der Leute so auf der Straße? Worauf sollte man sich da einstellen?

Auch das hängt wieder maßgeblich von dem Ort ab, an dem man spielt. An einer U-Bahn-Station laufen die Leute eigentlich nur an dir vorbei, weil sie einfach auf dem Weg sind. Auf einem netten Platz in der Innenstadt ist das anders. Da bleiben die Leute häufiger stehen und hören zu. Vor allem für Kinder ist das immer toll. Die sind total fasziniert davon und bringen ihre Eltern dann dazu auch stehen zu bleiben.

Kannst du irgendwelche spannenden Geschichten oder Anekdoten aus deiner Zeit als Straßenmusiker erzählen? Hattest du irgendwelche krassen Begegnungen oder so?

Da gibt es viel zu viele Geschichten. Du triffst auf der Straße echt viele crazy Typen. Ich bin mal irgendwo im Nirgendwo gestrandet und musste mich dann vor sechs Neonazis in eine Bahnhofsmission flüchten.
Schön ist aber zum Beispiel, dass man jedes Jahr wieder andere Straßenmusiker trifft. Die kommen teilweise aus ganz unterschiedlichen Ländern und trotzdem trifft man immer wieder die gleichen Leute.

Eine coole Geschichte, an die ich mich noch erinnere, hat wieder mit meinem Mentor zu tun. Ihm habe ich mal einen Song „geklaut“, also ich habe angefangen ihn selbst zu spielen und er wusste nichts davon. Ich habe den Song dann auch einmal in Koblenz gespielt und hatte in dem Moment sogar ein bisschen Publikum. Auf einmal stand dann auch mein Mentor vor mir und grinste übers ganze Gesicht. Ich war dann ein bisschen peinlich berührt und habe sofort erklärt, dass der Song eigentlich von ihm ist. Daraufhin hat er mir den Song geschenkt, weil ihm meine Interpretation so gut gefallen hat.



„Es gibt auf der Straße auch ein Publikum für eigene Songs. Du musst aber wirklich auffallen!“



Was für Songs spielst du auf der Straße?

Größtenteils spiele ich meine eigenen Songs, weil ich die einfach mag. Aber die Leute hören gerne Radio! Man sollte also schon auch ein paar Radiohits draufhaben, die jeder kennt. Da führt bei einem ausgewogenen Programm nichts dran vorbei. Ich spiele dann auch immer noch ein paar meiner persönlichen Favourites, die aber sonst eh keiner kennt.

Also gibt es tatsächlich auch ein Publikum für eigene Songs auf der Straße? Ich hatte immer eher den Eindruck, dass meine Songs dann noch stärker untergehen als die Coversongs.

Doch das Publikum gibt es auf jeden Fall! Man muss aber wirklich auffallen. Durch meine Chorerfahrung kann ich gut mit meiner Stimme umgehen und zum Beispiel viel mit der Kopfstimme machen. Das fällt dann auf und erreicht die Leute. Wenn man nichts Besonderes in seinen Songs hat, geht man aber wahrscheinlich schon sehr schnell unter damit.

Muss man immer rockige Up-Tempo-Nummern auf der Straße spielen oder funktioniert auch eine Ballade?

Balladen sind je nach Taktart manchmal sogar richtig geil! Stell dir zum Beispiel mal eine Ballade im ¾-Takt am Rande eines Weihnachtsmarktes vor. Das passt super!

Machst du dir eine Setlist bevor du auf die Straße gehst?

Ne, nicht wirklich. Ich mache mir am Anfang der Saison immer ein paar Gedanken und schreib mir dann so 20 Songs auf eine Liste, die ich in diesem Jahr gerne spielen möchte. Also quasi eine Saison-Setlist.

Was hast du so für Erfahrungen mit dem Ordnungsamt, beziehungsweise mit den örtlichen Regelungen und Genehmigungen zur Straßenmusik gemacht?

Das ist in Deutschland echt der Wahnsinn. Ein Extrembeispiel ist München. Da sind nur fünf Musiker am Tag erlaubt und die werden quasi in Schichten an verschiedenen Standorten eingeteilt. Bevor du da berücksichtigt wirst musst du aber dem Ordnungsamt morgens erstmal ein Privatkonzert geben. Die schauen dann, ob du auch was kannst. Wenn die dich akzeptieren, kostet die Genehmigung zusätzlich auch noch Geld.

Es gibt da aber wirklich viele unterschiedliche Modelle. Ich mach mir da nicht vor jeder neuen Stadt die Arbeit, groß zu recherchieren. Die Infos sind im Internet auch nicht immer so leicht zu finden.

Ich würde empfehlen: Einfach ausprobieren! Im schlimmsten Fall bekommt man eine Ermahnung vom Ordnungsamt und beim nächsten Mal weiß man es dann besser. Strafen muss man da beim ersten Mal eigentlich nie bezahlen.

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch, Steevo! Was sind deine nächsten Ziele? Wo geht’s jetzt für dich hin?

Erstmal will ich nach Berlin, um dort mit einem Freund in seinem Studio was aufnehmen. Dann will ich noch ans Meer, wahrscheinlich an die Ostsee.




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